Für eine Weltreise den Job gekündigt!


Da stand ich also. Im Büro, das ich mir mit meiner Kollegin teile. Vor mir die Belegschaft. Ich habe zum Ausstand eingeladen, belegte Brötchen gemacht, Sekt und noch ein paar Kleinigkeiten an Dingen, die man um 11 Uhr morgens mögen könnte.
 

Und neben mir meine Chefin.

Wir hörten ihr gerade zu, wie sie die Rede hielt. Sie sprach von einem neuen Lebensabschnitt, und dass wenn die eine Tür zugeht, sich eine andere öffnet. ‚Ha, eher öffnet sich hier gerade ein monströses Tor vor mir…’ dachte ich… sie sprach von Mut, von Risiko, von Chancen und von einem Buch, das sie mir anschließend überreichte.

Wie es ist, das Leben zu führen, von dem alle träumen

Das Große Los. Geschrieben von einer Frau, die bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und um die Welt zog.* Es ist eines ihrer liebsten Bücher und es lag ihr daran, mir das Buch mitzugeben. Und mit dabei noch ein Plakat: Angelehnt an das Cover des Buchs haben sie es auf mich abgewandelt. Nicht nur war dort mein Kopf rein-gephotoshopt, sondern auch der Satz, der auf dem Buch steht wurde angepasst. Liest man auf dem Buch „Wie ich eine halbe Million gewann und um die Welt zog“, steht auf meinem Plakat: „Wie es ist, wenn man das Leben führt, von dem alle träumen.“

Ich las diesen Satz und fühlte einen inneren Schock.

In der positivsten Weise, die man sich nur vorstellen kann. Als würde ein Kind in den Spiegel sehen und zum ersten Mal verstehen, dass es sich selbst sieht.

Ja, ich werde das Leben leben, von dem ich träumte. Ich hätte stundenlang auf diesem Satz verharren können, hätte nicht dann meine Vorgesetzte das Wort ergriffen: „Nun haben Sie jetzt keine halbe Million in der Tasche… aber wir haben ja ein wenig gesammelt für Sie und ein kleines Notfall-Package bereitgestellt!“ und sie übergab mir das nächste Geschenk. Notfall-Package? Mein erster Gedanke: W-LAN-Stick! Ich packte aus und fürchtete schon den Fall, den sich jeder in so einer Situation wünscht: Man öffnet ein Geschenk vor versammelter Truppe und hat nicht die leiseste Ahnung was es sein soll. Das Geschenkpapier in unordentlichster Weise zerrissen, hielt ich eine kleine Box in der Hand und: Hatte nicht die leiseste Ahnung, was es sein soll. Stille, alle warten und ich steh da und raff’s nicht. Es war zumindest kein W-Lan-Stick. Das konnte ich erkennen. Klein, silber, schwer. Ich drehte es rum.
 

‚Die schenken mir doch jetzt nicht hier ’nen USB-Stick…’.

Nein, geiler. Silber. Einfach Silber. Was für eine coole Idee ist das bitte! „Sehen Sie es als Notgroschen, wenn mal wirklich gar nichts mehr geht und Sie komplett blank da stehen!“, ich musste lächeln… wegen der süßen Idee aber vor allem, weil es ein schönes Gefühl war zu sehen, wie sie sich Gedanken gemacht haben. Kein Gutschein von Amazon und Auf Wiedersehen. Sondern ein 100g SilberBarren… Hammer!

Ich legte es zur Seite und erhielt bereits das nächste Geschenk. Von der Seele des Hauses: Der Dame am Empfang. Sie kam strahlend zu mir und ich weiß nicht mal, ob sie was dazu sagte, denn ich konnte bereits erkennen was es war und war hin und weg: Ein Globus aus SCHOKOLADE! Es wurde immer genialer!

Auch meine Vorgesetzte übergab mir noch ein persönliches Geschenk: Ein Drybag* für die Reise. Das Beste daran: Das war das, was noch hoch oben auf unserer Weltreise-Einkaufsliste stand! Ein Haken mehr. Top.

treise-Einkaufsliste stand! Ein Haken mehr. Top.

Von unserer Werbeagentur, mit der wir zusammenarbeiten, habe ich auch noch etwas erhalten: Ein PointIt-Sprachführer* ! Quasi ein Bilderbuch mit allen wichtigen Bildern von Dingen, die man auf Reisen benötigt oder ausdrücken will… und egal in welchem Land: Es reicht, darauf zu zeigen, um etwas zu erfragen oder zu sagen! Mit so viel Nützlichem hatte ich echt nicht gerechnet. Blumen erhielt ich auch noch, viele Umarmungen und am Ende den Satz: „So, jetzt gehört das Wort Ihnen.“
 

Ein paar Tage vorher habe ich noch überlegt, was ich sagen könnte.

Irgendwas Cooles. Ein cooler Abgang sollte her! Hab überlegt… hm… Witzige Anekdoten, die man erzählen könnte? Oder sowas wie „Dinge, die ich hier gelernt habe“ so ein wenig ironisch aufgezogen? Da wäre dann an erster Stelle gewesen: „Ich habe gelernt auf Pumps zu laufen!“ Ja, das wär doch cool. Ich wollte mir einen Nachmittag mal Zeit nehmen und überlegen.

Als ich dann einen Abend dachte: Nein. Das machst du nicht. Du überlegst nicht. Du hast so keine Ahnung, wie du dich fühlen wirst. Du hast so keine Ahnung, was du denken wirst. Du lässt es auf dich zukommen. Und wirst einfach raushauen, was du denkst.

Ich legte die Geschenke ab und fing auch genau das an zu sagen. Dass ich keine Rede vorbereitet habe, sondern einfach sage, was mir gerade durch den Kopf geht. Es waren keine Bilder, keine Vorfreude, keine Anekdoten.
 

Sondern ein Gefühl.

„Ich merke, dass dieser Moment gerade das erste Mal ist, an dem mir bewusst wird… was ich tun werde“ Und wie man sich einen coolen Abgang vorstellt… – heulte ich vor versammelter Mannschaft los.

Ja. Sauber. Wenn ich etwas geplant hatte, dann: nicht dabei loszuflennen. Aber: Ich hab’s geahnt. Ich wusste nicht, wie ich mich fühlen werde. Und ich fühlte mich überwältigt. Von meiner eigenen Entscheidung. Da standen alle Kollegen vor mir, um mich zu verabschieden. Die Entscheidung und das, was uns bevorsteht wurde in diesem Moment real.

Ich wischte die Tränen weg und musste währenddessen grinsend an den Moment denken, wie ich vor ein paar Jahren zum Bewerbungsgespräch kam, im Hosenanzug, der meiner Schwester gehörte. Also erzählte ich davon. Ich drehte mich zur Chefin und erzählte ihr, wie sie mich von oben bis unten betrachtete und ich nur dachte: ‚Bitte lass mich nichts auf links angezogen haben…’ (so abwegig wäre das nicht gewesen). Und dass ich nie gedacht hätte, ein paar Jahre später mal hier zu stehen und wegen einer Weltreise zu kündigen…

Ich erzählte von einem Zettel, der in meinem Portemonnaie ist, schon seit Jahren. Ich malte ihn währenddessen vor meinem inneren Auge. Darauf ein Bild von einem Strand bei Sonnenuntergang, das ich ausgedruckt hatte und mich daran erinnerte irgendwann einmal zu reisen. Ich hatte noch genau vor Augen, wie ich ihn mal in mein Portemonnaie getan habe. Er ist schon halb zerfleddert. Aber noch da. Ich lachte und sagte: „Da hab ich noch gedacht: ‚Irgendwann, wenn man mal erwachsen ist und Urlaub nehmen darf, dann reise ich mal an solche schönen Orte!’. Jetzt stehe ich vor einer Weltreise.“

Diesen Gedanken genoss ich ganz besonders. Weil all das, was bisher im Leben passierte, mich hierhin gebracht hat. Egal ob gut oder schlecht. Und ich war dankbar dafür. Und dieser Zettel war immer dabei.

Meine Gedanken liefen kreuz und quer und so hatte auch meine kleine „Rede“ keinen roten Faden. Als nächstes musste ich an einen bestimmten Moment denken, als ich einmal in Costa Rica war. Ich erzählte von diesem Moment. Ich saß im Bus, bin ausgestiegen und als ich nach dem Weg fragte, wurde mir gesagt, ich bin 3km zu weit gefahren. Ich überlegte 2 Sekunden, setzte meine Kopfhörer auf, rückte den 45-Liter-Rucksack zurecht, drehte mich um und spazierte zurück. Es war Regenzeit und als ich die ersten Schritte setzte, fing es unfassbar an zu regnen. Costa Ricas Regen prasselte auf mich ein. Ich ging deswegen aber nicht schneller. Ich ging langsamer. Und genoss in vollsten Zügen, fühlte mich selten so sehr zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Als ich so da stand und das erzählte, schoss dieser Moment und dieses Gefühl noch einmal durch mich durch und ich bekam Gänsehaut. Niemand sah sie unter meinem Blazer, aber ich spürte es. Und ich fühlte das gleiche noch einmal: Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Mitten in meinem letzten Arbeitstag. Die Augen wurden feucht vor Glück und unbändiger Freude und es war mir so egal, dass alle Kollegen inklusive Geschäftsführung genau sahen, was da gerade mit mir passiert.

Und ich sagte auch das. „Ich weiß einfach, dass es das absolut Richtige ist.“ Und lächelte dabei von tiefstem Herzen. Ich wünschte, Daniel wäre da gewesen. Ich hätte ihn angesprungen. Ich hätte geschrien vor Freude und ich wollte zu ihm. Wir sind einen Schritt näher an unserem Traum…

Ich bedankte mich für das tolle Zusammenarbeiten, sagte ehrlicherweise, wie sehr ich jeden mochte und dass ich bei dem Arbeitgeber viel wertgeschätzt habe, so nervig so ein Arbeitsalltag auch manchmal ist.

Als ich anschließend das selbstgemachte Brötchen-Buffet eröffnete, drückte ich auf Play bei der kleinen Musikbox, die ich mitgebracht hatte. An dem Donnerstag drückte ich im Büro auf Play – und bald irgendwo auf der Welt.
 

Am nächsten Morgen kam ich ins Büro, der letzte Arbeitstag.

Es gab noch viel zu tun, Übergabe, aufräumen, Verabschiedung von den Kollegen, die am Tag vorher nicht da waren. Abends war ich dann fast die Letzte im Büro.
Mail-Posteingang leer.
Schreibtisch blank.
Stille im Flur.

Ich räumte die letzten Sachen ein und stellte den Karton auf den Boden.
Irgendwie genauso, wie man sich seinen letzten Tag im Büro im Film immer vorstellt. Es war genauso klischeehaft.
In der Sektflasche war sogar noch ein bisschen Rest.
Ich nahm die Flasche, lehnte mich ans Sideboard und trank aus.
Der Blick schweifte durch’s Büro.
Ich schüttelte langsam mit dem Kopf und grinste einfach nur.
So fühlt es sich also an. Wenn man den letzten Tag im Büro ist.
Weil man bald auf Weltreise geht. Anders, als ich mir vorgestellt hatte.
Ich wollte nicht feiern. Es war nicht das Gefühl: „YEEEAHHHH – FREIHEEIIIIIT, WIR KOMMÄÄÄN!!!! Raus aus dem Büro! Whoop Whoop!!!! Lass uns abfeiern!“

Nein. Gar nicht. Absolut nicht.

Das wäre es vielleicht gewesen, hätte ich einen richtig miesen Job gehabt. Hatte ich aber nicht. Ich habe meine Kollegen und meine Arbeit lieb gewonnen. Mir war nicht nach feiern. Ich wollte einfach nur mit Daniel gemeinsam verstehen, was da gerade sich in unserem Leben tut. Wie sich gerade alles dreht in unserem Leben, wir die Richtung gewechselt haben. Was das bedeutet und was diese Woche alles umgekrempelt hat. Dass wir den Traum wieder ein Stück weiter in die Realität gezogen haben. Und genau das wollte ich genießen. Dass das alles wirklich wahr ist. Für andere war es an dem Abend ein Einläuten ins Wochenende – für uns der Start von etwas Gigantischem.
 

Die Flasche war leer.

Ich nahm den Karton und noch zwei Tüten, schaltete das Licht im Büro aus, ging den Flur entlang und wartete auf den Aufzug. Ein letztes Mal „E“ drücken.

Ich ging aus dem Aufzug, stellte den Karton und die Tüten ab, setzte meine Kopfhörer auf.

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Ich nahm die Sachen wieder hoch und ging durch das Gebäude, sagte den Herren am Empfang des Gebäudes Tschüß, als mir die nächste Träne grinsend runterlief. Was die wohl gedacht haben müssen. Ich ging auf die verglaste Tür zu und spiegelte mich darin. Und man muss sagen: Was ich sah, sah einfach nur VERFLUCHT gut aus mit dem Karton, den Tüten, die da rumbaumelten, den vor Freude verheulten Augen, den Kopfhörern mit meiner Musik und dem Grinsen – denn ich sah eine frisch gebackene Bald-Weltreisende!

Die verglaste Tür öffnete automatisch. In dem Moment war diese stinknormale Tür das monströse Tor, an das ich gestern noch denken musste. Ich ging raus und der Wind bließ mir ins Gesicht.

Ich stellte mir vor, dass er den weiten Weg aus Malaysia gemacht hat. Sich abgekühlt hat, um Daniel und mich in Düsseldorf zu begrüßen: „Hey, pack your bags – I’ll take you somewhere“.

Liebes Büro – ich schreib ’ne Karte!