Weltreise: Noch reichen die Ersparnisse
Am 7. August 2015 saß ich in Düsseldorf im Büro. Daniel in der Wohnung, er schrieb an seiner Masterarbeit. Das Handy neben ihm, wartend auf meine Nachricht, wie es lief. Ich saß ebenfalls in Düsseldorf, aber im Büro meiner Vorgesetzten. Und habe meinen Job gekündigt.

Mit den Worten, dass ich die Welt bereisen werde. Ich bekam feuchte Augen. Die Tränen rollten, innerlich zitterte ich. Nicht, weil ich Angst vor dem Ungewissen hatte oder plötzlich kalte Füße bekam.

Ich hatte das Gefühl, sanfte Fesseln gesprengt zu haben.

Innerhalb von Sekunden. Und zwar rechtzeitig, bevor sie zu eng wurden.
Ganz ehrlich? Das Schicksal hatte es nicht leicht mit mir. Ich war ziemlich verpeilt. Denn rückblickend hat mir das Leben eine Menge Signale gesendet. Dass ich diese Signale lieber erst mal gesammelt habe, schiebe ich hier mal auf meine Liebe zu Sammlungen damals. Sei es Diddl-Blätter (wie gesagt, damals!), Stickeralben (gut, die hab ich immer noch) oder eben… Signale des Schicksals. Her damit. Alles gesammelt.

Insgesamt gesehen hatte ich innerhalb von 3 Jahren 4 verschiedene Jobs.

Es waren alles gute Jobs, nur war ich immer die jüngste Arbeitnehmerin und wurde 2 Mal betriebsbedingt gekündigt, bei Wirtschaftskrisen, bei Budgetkürzungen, etc. – eigentlich jedes Mal der perfekte Zeitpunkt, um etwas Neues zu wagen. Zum Beispiel mal eine Langzeitreise? Aber ich bewarb mich. Und landete bei meinem letzten Job. Wo ich dachte: Der isses jetzt! Tolles Team, tolle Vorgesetzte, geregelte Arbeitszeiten, gutes Gehalt, zwar viel Bürokratie, denn der Job war ans Ministerium angedockt, aber mittendrin genug kreative Freiheiten. UND das Büro war nah am Rhein. Perfekt für die Pausen.

Denn dann lag ich meist auf der Wiese und habe Musik gehört.

Ich stellte mir sogar einen Wecker am Handy, damit ich die 30 Minuten-Pausen-Regelung einhalte. Und während ich da so lag, ging der Vorhang auf für mein Kopfkino.

Ich habe mir vorgestellt, ich wäre gerade in Costa Rica und spaziere durch das Grün, das man sogar riechen kann. Oder irgendwo in Asien in einem klapprig alten Bus. Oder wie wär’s mit Daniel in einem Kajak an einem einsamen Traumstrand? Nein, besser: in einem Zelt unter einem Sternenhimmel, irgendwo, wo es arschkalt ist, wir Dosenfutter essen und gerade die glücklichsten Menschen der Welt sind.

Der Wecker klingelte, ich zog die Pumps wieder an, klopfte die Grashalme von meinen Klamotten, die ich mir extra für die Arbeit gekauft hatte, und ging zurück an den Schreibtisch.

In der gleichen Zeit schlug Daniel den Laptop in der Uni wieder auf, erhielt den nächsten Stapel Unterlagen und hörte Gesprächen von Kommilitonen zu: abgelehnte Praktika, nicht beantwortete Bewerbungen, Fragen zu Gehältern und Lücken im Lebenslauf. Er hat nicht mitgeredet. Warum?

Es hat einige Mittagspausen und Semester gebraucht, bis wir uns gefragt haben:

„Näh. Irgendwas… irgendwas…“ Ja, irgendwas war da noch. Die Synapsen haben einige Jahre gebraucht, um laut genug zu werden und zu schreien: Du hast geballte Neugier in dir, du willst raus in die Welt, auf Kulturen treffen, die gänzlich anders sind, von dem, was du kennst. Du willst sehen, was es dort draußen gibt, dazu lernen, dich schockieren und überraschen lassen! Ja, du warst schon immer eine Niete in Erdkunde, und weißt du warum? Weil du alles selbst sehen und erleben willst. Mittendrin. Du willst einmal wissen wie es ist, wenn man sein Leben komplett selbst in der Hand hat. Komplett.

Und jetzt sitzen wir in Bangkok.

Der Job ist gekündigt. Das BWL-Studium ist beendet. Und wir nennen uns Weltreisende! Wir verbringen die Nächte zufriedener in einem Flughafen, wartend auf den Flieger ins nächste Abenteuer…
..statt im gemütlichen Bett in Düsseldorf, wartend, bis der Wecker klingelt.

Wir sitzen lieber 6 Stunden auf einer Fähre auf den Philippinen, neben Hühnern, auf schrotten Plastiksitzen, schwitzen die gerade gewaschenen Klamotten voll und fühlen uns wohler…
…als in einem schönen Café in Düsseldorf am Rhein. Denn dort zahlen wir den Kaffee und gehen wieder Heim. Auf der Fähre zahlen wir die Instant-Nudeln und können es nicht erwarten, die nächste Insel mit dem Moped zu entdecken!
Moped auf den Philippinen

Wir reisen. Mit Erspartem.

Ich habe viele Jahre jeden Monat Geld in einen bestimmten Pott gelegt. In meiner Excel-Tabelle habe ich ihn liebevoll „Puffer“ genannt. Puffer für was auch immer. Und habe ihn im Jahr 2015 umbenannt in: Weltreise. Es war scheinbar der Puffer für meinen Traum, ohne, dass ich es wirklich wusste.

Daniel nahm sein Erspartes und knapste das Erbe seiner Oma an. Wir sind uns einig, dass sie irgendwo dort oben in einem weichen Stuhl sitzt und lächelt: Statt sich mit Auto, neuem Smartphone und teuren Büroklamotten einzudecken… lernt er die Welt kennen. Sie wird wissen, wie kostbar Zeit und die schönsten Erlebnisse im Leben sind…
Orang Utans in Semenggoh
Tauchkurs im Komodo Nationalpark - Ania und Daniel

Nun ist es der 159. Tag

Und wir stellen uns in letzter Zeit immer öfter eine Frage. Wenn wir am Strand sitzen. Wenn wir einen Ausblick in die Natur genießen.

Was, wenn das Ersparte weg ist?
Was dann?
Zurück in einen Job?
Bewerben, neue Klamotten kaufen?
Aus dem Fenster schauen und sich wieder raus wünschen?
Den Urlaubsantrag einreichen und hoffen, dass die 3,5 Wochen genehmigt werden?

„Könntest du das? Kannst du dir das vorstellen?“, habe ich Daniel in Taiwan gefragt, als wir am Strand saßen. Er hat rausgeschaut und irgendwie gelächelt. Als hätte ich ihm gerade einen Witz erzählt und er kenne ihn bereits. „Nein… irgendwie… nicht.“

Ich auch nicht. Stille.

Philippinen
Ich glaube, es gibt Menschen, die Routine im Leben möchten. Die es lieben, den Job zu haben, abends heim zu kommen, abschalten zu können.

Und ich glaube, es gibt Menschen, die innerlich darauf brennen, ihre eigenen Ideen umzusetzen, Freiheiten in ihrem Tun brauchen, auch wenn es mit Risiko verbunden ist. Die einfach probieren möchten und sehen, was passiert.

Ich glaube, zu denen gehören wir.
Ich glaube, wir haben gelernt, dass es nicht diesen einen Weg gibt.
Wir wissen, es gibt Tausende hier draußen in der Welt.
Wir saßen in Taiwan und haben beschlossen:

„Lass uns nach Bangkok…

Lass uns nach Bangkok, lass uns eine Wohnung mieten und Zeit nehmen für diese eine Frage:

„Was wäre, wenn wir keinerlei Lebenswege und Lebensweisen kennen würden? Wie würden wir unser Leben gestalten? Und lass uns dann fragen, wie wir es finanzieren wollen. Mit etwas, wofür wir brennen.“

Wir wissen nicht, wie lange das Ersparte reicht, vielleicht noch ein halbes oder ein ganzes Jahr. Aber wir wollen vermeiden, erst über Möglichkeiten nachzudenken, wenn es zu spät ist. Wir wollen nicht irgendwann am Ende des Budgets heimkommen und dort stehen „Tja, kacke, und nu?!“ Daher nutzen wir den Vorlauf jetzt aus.
Warum Bangkok?
Die Newsletter-Leser wissen’s bereits:
Wir waren noch nie in Thailand.
Wir sind kreativer, wenn uns Leben und Großstadt umgibt.
Bangkok ist günstig, was zum Beispiel Unterkunft und Essen angeht.
Auch haben wir die Möglichkeit, auf Inseln zu fahren oder zu den Stränden, wenn uns danach ist.

Perfekte Bedingungen.
Also Bangkok.

Also sitzen wir gerade in der airbnb-Wohnung und schauen auf die Skyline der Stadt.

Sorry Bangkok, aber dich erkunden wir später. Jetzt nehmen wir uns hier 2-3 Wochen Zeit über nichts anderes nachzudenken, aufzuschreiben, rumzuspinnen, zu überlegen, zu recherchieren, wie wir unser Leben gestalten und finanzieren wollen, um weiter reisen zu können und so leben zu können, wie es am besten zu uns passt.

Einfach mal probieren. Einfach mal Ideen raushauen. Einfach mal denken: „Hey, warum eigentlich nicht?“ Wir hatten schon immer unser Leben selbst in der Hand. Aber wohl noch nie so sehr, wie jetzt. Wo wir am Abflugstag den Reset-Button gedrückt haben. Alles auf Null. Und wir werden einfach mal versuchen unser Leben so zu formen, wie es am besten zu uns passt.

Darum sind wir hierher nach Bangkok gereist. (Und haben wohl noch nie so viel Obst auf der Reise gegessen, wie die letzten zwei Tage. Wassermelone: 90 Cent!)

Wir werden euch auf dem Laufenden halten und sind selbst so gespannt! Vielleicht kommen wir auf absolut keine Ideen, vielleicht auf nur dämliche oder vielleicht auf die weltbesten – wir wissen es nicht. Feststeht: Wir werden wohl so gesund essen, wie noch nie mit dem Obstmarkt vor der Tür. 😀 Achso, wohin es nach Bangkok geht? Absolut keine Ahnung! Da werden wir uns selbst wohl wieder überraschen.

Dieses Mal brauche selbst ich kein Signal des Schicksals.

Wir haben beide geschnallt: Nichts ist unmöglich… wenn man es will.
Wenn man es wagt. Und einfach mal macht.
Sonst wären wir wohl niemals in den Flieger am 31.01.2016 gestiegen.
Und hätten auch niemals das EM-Spiel gestern mit thailändischem Bier in der Hand in Bangkok schauen können, nachdem wir aus Taiwan abgereist sind.

Das Spiel war gut, schade für Deutschland, aber am Ende haben wir dennoch kurz gelächelt: Als das EM-Lied von Mark Forster lief… „Wir brechen auf, lass die Leinen los, die Welt ist klein – und wir sind groß.“