Weltreise Gefühle

Einmal noch Rucksack packen. Einmal noch umsehen, ob alles verstaut ist. Wir haben die Rucksäcke aufgesetzt, standen heute Morgen in der airbnb-Wohnung in New York. In der Hand eine Tüte mit Chucks, die wir einem guten Freund mitbringen. Und es war komisch, aber die Tüte in der Hand zu halten war irgendwie das physische Zeichen, dass es nicht mehr lange dauert, bis wir Zuhause sind. Weil wir ihm sie dann geben können.

Recht emotionslos gingen wir die Treppen runter. Nicht, weil wir uns so fühlten, sondern weil wir uns nicht entscheiden konnten, welches Gefühl gerade dominiert. Und darauf waren wir nicht vorbereitet. Dass uns so ein Chaos an Gefühlen übermannen wird.

 

Der letzte Tag unserer Weltreise im Jahr 2016.

Warten auf die grüne U-Bahn-Linie. Ausstieg Penn Station.

In der U-Bahn haben wir kaum ein Wort gesagt. Im Fenster der Bahn spiegelten wir uns. Mit den Rucksäcken, die in Malaysia mit uns gestartet sind. Um uns herum all die Menschen, die gerade zur Arbeit fuhren, ihre Mittagspause hatten, zur Uni fuhren, oder einfach heim. Oder Touristen mit ihren Koffern.

In der Spiegelung konnte ich die neugierigen Blicke auf unsere Backpacks sehen und die Fragen standen in den Augen geschrieben: „Wo die hinfahren? Wo die herkommen? Warum die hier mit den Backpacks sind?“

 

Wir haben wenig miteinander gesprochen. Dafür umso mehr gedacht.

Als ich die Blicke sah, musste ich daran denken, wie wir uns genauso verhalten haben, wenn wir Backpacker in Düsseldorf gesehen haben, die eine anderen Sprache gesprochen haben. Wir hatten die gleichen Fragen. Woher sie kommen? Wo sie hingehen? Was sie schon gesehen haben?

Natürlich waren es für uns immer Weltreisende und die größten Abenteurer überhaupt.

Wie sich das anfühlen muss, loszuziehen und die Welt zu sehen? Wir haben die Gedankenspiele gemocht. Und vor allem das Gefühl umgeben zu sein von Menschen, die die gleichen Träume haben. Auch wenn nur für 10 Sekunden, die er uns an der Ampel mit dem großen Rucksack entgegenkam. Ein Lächeln, er ging weiter.

Und plötzlich sind wir diejenigen mit dem Rucksack. Niemand, der uns entgegenkommt und den wir mustern – sondern wir selbst, die ihr eigenes Spiegelbild sehen.

 

Wie sich das anfühlt, wenn man von so einer Reise zurückkommt?

Eine Frage, die man uns gerade oft stellt.
Eine gute Frage, denn die haben wir auch an uns selbst.

In New York haben wir uns einige Male zwischendurch gefragt: „Wie geht’s dir? Komisches Gefühl oder eher nicht?“ Irgendwie kam dann meist ein Schulternzucken. „Ja, irgendwie schon. Aber irgendwie… weiß nicht…“.

Es ist…

…Vorfreude, alle wiederzusehen.
…Wehmut, dass das erste Abenteuer vorbei ist.
…Neugier, wie es sich anfühlen wird, zu landen.
…Gedankenspiele, wie 2017 aussehen wird.
…Aufregung, Heim zu kommen.

Und das im Wechsel, permanent. Was dominiert? Mal dies, mal das. Es ist ein MischMasch und ein Gefühl, das wir uns gegenseitig nicht mal wirklich beschreiben können. Aber das müssen wir auch gar nicht. Wir wissen, wie es dem anderen geht.

Ich höre hier im Flughafen Weihnachtslieder und bekomme schon Tränen in den Augen, wenn ich nur daran denke, die Familie wieder in die Arme zu schließen. Dann sehen wir unsere Hängematten aus Peru und merken, wie schnell das Jahr umging. Dann schauen wir auf das Datum und denken an das nächste Jahr. Und dann… fühlt es sich an, als wären wir nur 3 Wochen weg gewesen. Die Zeit ist verflogen.

Und dann zwischendurch… wird uns ganz langsam klar, was wir hier eigentlich erlebt haben. Wie unser 2016 aussah. Dass wir mit einem Tauchschein im Gepäck zurückkommen, dieser Hängematte, Bilder von Orang Utans, Freundschaften aus Taiwan, FlipFlops aus den Philippinen, einer Regenjacke aus Peru und Geschichten… aus aller Welt.

Kennst du manchmal das Gefühl, wenn du irgendwo bist und denkst: „Ich raff das grad gar nicht, dass ich das hier erlebe und sehe“? DAS Gefühl haben wir gerade. Nur… mit dem gesamten Jahr 2016.

Wie traurig wir gerade sind, dass die Weltreise für dieses Jahr endet?

„Ich weiß nicht. Es fühlt sich einfach nicht, wie ein Ende von der Reise an. Weil es gar nicht das Ende ist.“, sagte Daniel auf einmal, während er mir in der Bahn gegenüber saß und zuckte mit den Schultern. Ich nickte. Ja. Darum fühlt es sich auch nicht so endgültig wehmütig an.

Es wäre wohl etwas anderes, wenn wir in einen Job zurück müssten. Wüssten, was auf uns wartet. Aber stattdessen geht das Abenteuer weiter.

 

Penn Station.

Daniel nahm die Tüte mit den Chucks, ich die Tüte mit einem kleinen Weihnachtsgeschenk für meine Nichte. Ein letzter Blick auf unser Spiegelbild. Und plötzlich kam ein neues Gefühl hoch: Stolz.

Stolz auf dieses Spiegelbild mit den Rucksäcken und diesen Gesichtern… wir haben es gewagt! Einmal um die Welt…

Die Tür ging auf, das Spiegelbild verschwand.

Vor uns die Treppen.

Und mit jeder Stufe kamen wir unserem nächsten Ziel der Weltreise näher:

Heimat.